Eine Weggabelung die mein Leben verändert.

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Eine Weggabelung

Die Wolken schienen den Berg herunter zu fallen. Wie ein Vorhang schlossen sie sein Gesicht und tauchten unser Zelt in einen dichten Nebel. Es stand auf einem Hang und nur die antiken Wachtürme waren zu sehen. Die steinernen Kolosse, wie sie in ganz Svanetien zu sehen sind, ragten mit ihrer Spitze aus dem Nebel heraus, als wollen sie ihren Nutzen in der modernen Welt unter Beweis stellen. Die dichten Wolken ließen das Tageslicht nur soweit durch, um die grüne Farbe des Grases zum leben zu erwecken aber ebenso wenig, um auch nur eine Zelle des Körpers mit Wärme zu füllen. Die Nacht plagte uns mit Gewitter und Platzregen und unsere Augen erzählten von der nächtlichen Flucht aus dem Zelt, zu einem Vordach. Wir zählten unser verbliebenes Geld und kamen zu dem Ergebnis dass wir acht Lari für den Tag zur Verfügung haben. Dies entspricht ungefähr drei Euro. Wir beschlossen Brot zu kaufen. Hier in Svanetien wird das traditionelle Puri gebacken. Der Teig bleibt an der Wand, einer steinernen Kuppe haften. Der Stein wird durch die Glut eines Feuers erhitzt. Das Ergebnis, ein scheinbar riesiges Brot mit einem luftig, natürlichen Geschmack. Und keine Frage, für einen Lari ist es das perfekte Frühstück. Ich stülpte mir meine Regenkleidung über und verließ das Zelt, mit Safouras Bitte, unsere Wasserflasche wiederzubefüllen. Ich ziehe los und gehe mit vorsichtigen Schritten den schlammigen Hang herunter. Mein Weg führt durch einen Bach. Das flache Wasser bedeckt mit seinen schnellen Strom, geradeso, die dicken Kieselsteine und lässt mich wie einen kleinen Jungen über das Wasser tanzen. Warum bin ich hier ?

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Unser Zelt in Mestia

Diese Nacht wäre für mich in Deutschland unvorstellbar gewesen. Die Nacht verbrachte ich entweder Zuhause oder mit einer Auswahl an exklusiven alkoholischen Produkten im Nachtklub. Der Konsum war meine Motivation, meine Arbeit die Falle und mein Geld das Lockmittel. Mit Farbe bedrucktes Papier, mit der Zusicherung einen entsprechenden Gegenwert, in Form eines Produktes zu bekommen. Dies war Grund genug mein Leben mit Arbeit zu füllen und mich auf die Jagd nach dem Papier zu machen. Jedes Produkt garantierte mir Glück. Jedes neue Handy beeidigte mir, mich noch glücklicher zu machen als das Vorgängermodell und die Gesellschaft lehrte mich dass der Konsum dass erstrebenswerte Ziel, eines arbeitsreichen Lebens ist. Mein Anzug glänzte und meine Zähne strahlten aber mein Inneres verfaulte. All der Konsum und all das bedruckte Papier, konnten meiner Seele nicht dass geben, wonach sie lächzte. Meine Seele hungerte und ich gab ihr die Kalorienarme Hülle von etwas dass der Konsum zu produzieren schien. Glück.

Die Jagd nach dem Geld führte mich an einen Abgrund und meine eigene Gier stieß mich vom Boden. Meine schwächelnde Seele griff, mit letzter Kraft die Kante und meine Freunde zogen mich wieder hoch. Ich musste diese Jagd noch einmal, auf kurze Zeit wiederholen, um zu erkennen dass das Ende dieses Weges, jedesmal der Abgrund ist und der Konsum mich an der Abzweigung in die falsche Richtung schickt. Ich wechselte den Kompass, nahm an der Abzweigung den unbekannten Weg und folgte ihm, über die Grenzen meiner Erfahrungen hinaus. Ich folgte der Barmherzigkeit und dem Glauben und fand, ohne frommen Entsagungen, die Nahrung für meine Seele.

Der Regen in Mestia ließ nun nach und inzwischen hatte ich den Berg verlassen und stehe beim Bäcker. Mit der flachen Seite seines hölzernen Ofenschieber, kratzt der Bäcker das Puri von der steinernen Wand und gibt mir das warme Brot. Ich packe es in Papier und ziehe weiter um meine letzte Mission zu erfüllen. Ich begebe mich auf die Suche nach Wasser.

Während meiner Reise lernte ich mit weniger zu leben um mehr zu bekommen. Ich verstand woraus Glück gemacht wird und wie ich an die Zutaten kam. Kein Supermarkt oder Kaufhaus führt diese Zutat in seinem Fundus. Der Glaube, die Barmherzigkeit und die Freiheit sind die Bestandteile des Glückes und ich fand sie bei den Menschen. In offenen Begegnungen erfuhr ich Glück im Gespräch mit einfachen Menschen. Der Klang der Wellen am Strand ließ mich ruhig schlafen und der Sonnenauf- und untergang sind ein grandioses Schauspiel für das die Natur kein bedrucktes Papier verlangt. Es füttert meine Seele und füllt diese komplett mit Glück. Die Gastfreundschaft der Menschen hilft mir und lehrt mich Gemeinschaft. Die Hilfeleistung von Mensch zu Mensch lässt uns leben und ermöglicht uns Freiheit, unabhängig vom Status.

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Der antike Wachturm

Ich bin wieder am Berg angekommen und klopfe an der Tür eines alten steinernen Hauses. In unmittelbarer Nähe steht einer der antiken Wachtürme und rät mir, respektvoll im Umgang mit der geschichtsträchtigen Umgebung zu sein. Ich lausche ihm im stillen Wind und folge seinem Rat. „Guesthouse“ wurde auf einem selbstgebastelten Plakat gepinselt und es scheint mir, auch hier musste die traditionelle Gastfreundschaft dem Tourismus weichen. Eine besorgniserregende Entwicklung die ich schon länger beobachte und nun im, hohen abgelegenen Norden Georgiens, angekommen ist. Freie Vorgärten werden als Zeltplatz vermietet, historische Häuser abgerissen und durch Holzbauten im schweizer Stil ersetzt. Dies sieht schöner für Touristen aus und lenkt von der mit, Hotels besäumten Landschaft, ab. Eine ältere Dame mit Krückstock, öffnet mir die Tür und befüllt meine Flasche mit Wasser. Ohne jegliche Anfrage, drückt sie mir noch mehrere Äpfel in die Hand. Die Gastfreundschaft ist nicht komplett gewichen und schenkt mir die Hoffnung dass das kulturelle Erbe der Barmherzigkeit weiterhin in Georgien lebt. Zusammen mit den Äpfeln schenkt sie mir auch ein lächeln. Dieses trage ich mit zu Safoura. Auch wenn die Wolken die Sonne verdecken, geht sie in diesem Moment auf.

Wir essen das Brot und machen uns eine Suppe dazu, um den kalten Körper aufzuwärmen. Und ohne Safoura mitzuteilen, welche Gedanken ich mir auf dem Weg gemacht habe, sagt sie zu mir „Dies ist das Glück“. Sie hat recht. Ich sitze mit ihr im Zelt, in einer der schönsten Gegenden der Welt und esse Brot mit Suppe. Just in diesem Moment, vergleiche ich diese Situation mit meinem Leben in Deutschland und fühle dass dieser Moment voller Kalorien ist und meine Seele sättigt. Ich verstehe dass die Entscheidung an der Weggabelung die richtige gewesen ist und dass ich es geschafft habe mein Leben zu ändern.

mde

Wir essen Suppe im Zelt

Eine Antwort auf „Eine Weggabelung die mein Leben verändert.

  1. Danke für die Schilderung Deiner inneren Erlebnisse in einer Dir ungewohnten Lebensumgebung. Es sind oft die einfachen und ungewohnten Dinge des Lebens, die den Horizont der Erkenntnsse erweitern. Insbesondere dann, wenn bis zu diesen neuen Erfahrungen der Drang nach Geld und Reichtum den Sinn des Lebens erfüllen sollte. Die Frage nach dem Sinn des Lebens holt den Menschen irgendwann ein und dann geschehen seltsame Dinge, Du hast in einer Dir ungewohnten und einfachen Welt Erfahrungen gemacht, die Dir neu und ungewohnt erschienen. Es war das Glück und die Zufriedenhet der Menschen, die mit einfacher Lebensweise Glück und Zufriedenheit ausstrahlen. Das hast Du sehr überzeugend geschildert. Ich denke, dass wir in Deutschland ein gutes Leben führen. Nicht der Hunger und das Streben nach Erfolg und Geld müssen die Liebe, das Glück, die Zufriedenheit verdrängen. Es sind die Menschen selber, die vor lauter Gier nach mehr und noch mehr vergessen, dass das Leben andere Werte beinhaltet. Aber ich denke, dass liegt nicht daran, dass wir ein gutes Leben in Deutschland führen können, sondern weil die Menschen nicht offen dafür sind, dass das eigentliche Glück und die innere Zufriedenheit nicht mit Geld und Rechtum allein zu erreichen sind. Bewahre die Erfahrung in Deinem Herzen und gebe sie weiter. Sie sind sehr sehr wertvoll.

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