Du bist ich

Du bist ich

Warum meine Eltern mich auch immer Feigen genannt haben, wird wohl das dunkelste Geheimnis meines bisher kurzen Lebens bleiben. Seither dass mein Vater nicht mehr unter uns weilt, erfuhr ich von Mutter liebevolle Fürsorge die ihres
Gleichen sucht. Mit ihren Küssen schenkte sie mir Zuversicht und mit ihren Worten übertrug sie mir ihre Weisheit, so dass ich in jeder noch so schweren Situation Rat wusste. Mutters Liebe ist das Kind ihrer Fürsorge gewesen und mit zunehmenden Alter erfuhr ich abnehmende Liebe. Sei es auch nur eine gefühlte Vermutung, als
Kind war es meine Wahrnehmung. Ich werde nie verstehen wie Menschen eine Beziehung zu etwas nicht existierendem aufbauen können. Dazu gehörten die
Gespräche zu meinem hochverehrten Vater. Meine Gespräche zu ihm führte ich mit hoch erhobenen Kopf gen Himmel gerichtet. Auch wenn er leibhaftig nicht mehr da war, so waren die Gespräche meiner Liebe zu ihm gewandt, denn meine Liebe zu ihm war echt. Ich kämpfte jeden Tag gegen schwindende Erinnerungen und seine Erscheinung verblasste. Seine Gesichtszüge wurden schwächer und es war als würde Rauch in den Himmel empor steigen, so verblasste sein Lachen vor meinen Augen. Mutter war mir keine Hilfe und arbeitete in diesem Punkt gegen mich. Vaters Geist hatte sie schon vor langer Zeit verlassen und obwohl Mutters Herz den größten Platz für mich bereit hielt, fand ich keinen Raum in der Welt die mich immer weiter einengte und mir als Gefängnis erschien. Mein Ritual jedoch überlebte Vaters Lachen. Ich zog, einmal die Woche, zur Gartenstraße 15. Die lange Hauptstraße führte an den Garten vorbei, der sich über ein großes Arealerstreckte.

Auch der Lärm der vorbeiziehenden Autos konnte die Ruhe des Gartens in keinster Weise beeinträchtigen. Weshalb ich ihn „Garten der Ruhe“ taufte. Vaters Bergbaugeschichten sind die treibende Kraft in meinen jungen Jahren gewesen. Sein Gesicht hatte die Furcht nie erblickt und seine Heldentaten ließen mich zum Helden meines Selbst werden.

Seine letzte Heldentat kostete ihm das Leben und auf dem Weg zu seinem Grab
entsann ich mich an den Tag, an dem mich meine Mutter umarmte und sie begann mich zu lieben. Wie Brotkrumen zierten Tränen den Weg zu seiner letzten
Ruhestätte und ich hielt keinen Moment meiner Trauer zurück und mein Weinen und Schluchzen wirkten stumm, im Garten der Ruhe. Vaters Ehre wurde in Stein verewigt und seine Taten gewürdigt. Doch ich fiel nieder und brach im Krampf meiner Trauer zusammen, meine Schreie durchbrachen die Ruhe des Gartens.

Ich hatte meine Emotionen nicht mehr unter Kontrolle und ich weinte um alle Trauer rauszulassen die meine Seele erschwerten. Meine kleinen Hände vergruben sich in meinem Gesicht und der Schmerz über den Verlust meines Vaters wuchs in die
Höhe und übertraf den Baum meiner Lebensenergie. Ich erinnere mich genau, denn der Wind zog auf, spielte ein Spiel in meinem Herzen und dann kam er.

Nichts konnte mein Schluchzen übertönen und doch vernahmen meine Ohren verdächtige Geräusche. Ich versuchte mich zu beruhigen um mich voll auf die
Geräuschquelle zu konzentrieren. Sofort verstummte mein Weinen und ich hörte dieses kleine Wimmern. Ich schritt auf den Grabstein zu und kam der
Quelle des Wimmerns näher. Als ich immer noch nichts sah, lehnte ich mich über Papa und sah einen kleinen weinenden Jungen an seinem Grabstein gelehnt.
Sein weißblondes Haare glänzte in der Sommersonne. Mit einem hellblauen Poloshirt und einer gelben kurzen Hose war er recht bunt angezogen. Doch auch diese Tatsache schien den Kummer des Jungen nicht fort zu jagen.

„Hey wer bist du?“

Der Junge wischte sich eine Träne beiseite und antwortete mir.

„Ich bin Muten, ich bin auf der Suche nach dir.“

Als Kind wunderte ich mich nicht über diese Aussage und fragte nur nachdem Grund.

„Ich möchte dein Freund sein. Ich habe jemanden verlassen und fühle mich alleine.“

Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine Freunde, es fiel mir schwer Bekanntschaften zu machen, da ich immer etwas anders war. Der Tod meines Vaters hat meine Kindheit tief geprägt und aus der Asche meiner Trauer fand ich dann Muten.
Als ich ihn Mutter vorstellte, wunderte sie sich zuerst und fragte ob alles in Ordnung mit mir sei. Ich bejahte dies und meine Tante stieß dazu. Ich habe nicht zugehört wie sie sich unterhielten und wandte mich Muten zu, doch später kniete Mutter sich runter auf Augenhöhe und begrüßte Muten. Ich war stolz auf meinen ersten richtigen Freund und fortan waren wir unzertrennlich.

Wir tauschten Geschichten aus, spielten jeden Tag zusammen und auch Mutter gewöhnte sich daran den Esstisch mit einem Teller mehr zu versehen. In den nächsten Jahren wurde Muten zum festen Bestandteil meines Lebens. Unsere Freundschaft war etwas besonderes, sie wurde die Basis meines Lebens. Ich konnte ihm vertrauen und teilte jeden Moment meines Lebens mit ihm.
Zudem fing ich an Muten zu lieben und lernte die Liebe kennen. Sie ist das
allmächtige Band zwischen den Menschen und verwandelt negativ behafteten Egoismus in etwas wunderschönes.

Ich liebe um geliebt zu werden und Liebe bin ich wert.

Ich kann mich an keine glücklichere Zeit erinnern als an unsere Schulzeit.
In den Sommerferien verbrachten wir jeden Tag miteinander und durchstreiften die Felder. Nachts lagen wir einfach nur auf der Wiese und betrachteten den weiten Sternenhimmel. Muten drehte sich zu mir um und stellte eine Frage, die ich zuerst nicht beantworten konnte und gab mir etwas Bedenkzeit.
„Bist du einsam?

Auch wenn die Frage in dem Moment nicht zu dem wunderschönen Sommer passte den wir gerade erlebten, so war die Frage schon berechtigt und ich teilte meine
Gedanken mit ihm.

„Früher lag ich oft mit meinem Vater unter dem Sternenhimmel. Er schien weit und unendlich, wie die Zeit mit meinem Vater. Dann packte er meine Hand, so wie du es jetzt tust, und sagte zu mir dass er mich nie alleine lassen würde. Ich sagte er solle darauf schwören und er tat es. Dann blickte ich zurück zum Sternenhimmel und sah den Stern der Glückseligkeit und die Liebe meines Vaters wärmte meinen Körper, so wie deine Liebe zu mir meinen Körper wärmt. Das Versprechen meines Vaters legte sich wie eine schützende Hand über mein Haupt und begleitete mich selbst in die tiefste Ecke meines Herzens. Doch aus dem Samen der Glückseligkeit entsprang ein Baum meinem Herzen. Der Baum wuchs langsam und mit Bedacht und zu seinen Wurzeln begab sich die Dreifaltigkeit des Schicksals auf der Suche nach dem Punkt der mich verwundbar machte und die Nornen fingen an die Fäden des Schicksals zusammen zu spinnen. Dieses Schicksal sah vor, mir meine schützende Hand zu rauben. Es nötigte meinen Vater seinen Schwur zu brechen und nahm mir den einzigen Menschen dem ich vertraute. Ich stieg hinab in die Tiefe meines
Herzens und vermisste die Wärme in meinem Körper, die durch stechenden Kälte ersetzt wurde. Meine Tränen sahen sich nicht in der Lage die Gewalt meiner Trauer wiederzugeben und so ließ ich auch meine Tränen zurück und begab mich mit meiner Trauer an einen fremden Ort. Dort wo sie uns nicht einholen konnten. Bis zu der Minute, nein der Sekunde in der du mich gefragt hast, war ich einsam.“

Muten regte sich kein Stück und ließ seinen Blick nicht von den Sternen ab und dann sagte er „Sehr gut.“

Die Kindheit ging in die Jugend über und die Jugend wurde erwachsen. Ich wohnte noch bei Mutter da der Verdienst in der Lehre sehr gering war. So kam es dass wir
Abends zusammen gegessen haben. Muten saß immer noch regelmäßig am Tisch.
An manchen Abenden kam es vor dass er noch arbeiten musste.

Mutter wusste nie einzuschätzen wann er kommen wird und wann nicht. An jenem Abend hatte sie also für drei Personen gedeckt und fragte mich nach ihm.

„Wann wird Muten hier sein?“
„Weiß ich nicht.“

War die Antwort. Dann fing sie an zu weinen und ich war ratlos und konnte keinen Grund erahnen. Ihr Weinen verwandelte sich in ein Lachen und sie schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. Mutter schüttelte nur den Kopf und lachte dabei. Mit einem gespielten Lächeln und weinerlicher Stimme fragte sie mich

„Meinst du nicht,….du bist ein bisschen zu alt für einen imaginären Freund?“

Niemand wagte es die Stille in der Küche zu durchbrechen. Das fahle Licht der Küchenlampe unterstrich die Emotionen die dort herrschten. Ich gab ihr mein Unverständnis zu verstehen und Mutter fuhr fort.

„Feigen, der Tod deines Vaters hat mich auch hart getroffen und ich stand auf einmal der Herausforderung gegenüber meinen Sohn alleine groß zu ziehen und verzweifelte schon bevor dein Vater unter der Erde lag. Doch es dauerte nicht lange bis ich Hilfe bekam. Anfangs stand ich Muten skeptisch gegenüber und überlegte dich in professionelle Hände zu geben. Doch meine Schwester riet mir davon ab. So beschloss ich mir alles mit anzusehen und abzuwarten. Ich gebe zu, zu Beginn ist Muten eine sehr komfortable
Übergangslösung gewesen und mir wurde viel Arbeit abgenommen und Ärger
erspart. Doch Jahre danach warte ich immer noch darauf dass Muten uns verlässt und ich bekomme Angst. Angst um dich und deine Zukunft. Lange habe ich dieses Spiel noch mitgespielt und dabei zugesehen. Doch nun ist Schluss.“

Mutter stand nun auf, wirkte gereizter und unterstrich ihre Gefühle mit einem Schlag auf den Tisch.

„Feigen wach auf. Muten ist nicht real. Du hast ihn dir eingebildet.
Doch du bist keine acht mehr. Werde erwachsen.“

Schrie sie fast und dann überkam mich meine Wut. Wie konnte sie es wagen?! Mein Stuhl flog nach hinten und ich rannte rauf aufs Zimmer und weinte.

Tage vergingen und Muten hatte sich nicht mehr gemeldet, doch ich wollte Mutters Worten keinen Glauben schenken. Mutter säte den Zweifel in meinem Verstand. Nie hatte ich zuvor an Mutens Existenz gezweifelt, schließlich stand er leibhaftig vor mir. Ich entsann mich an den Wind der an dem Tag aufkam an dem ich Muten kennenlernte. Ein ähnlicher Luftzug zog durch mein Zimmer, riss die Türen auf und wirbelte ein paar Blätter umher, die eisige Kälte des Luftzugs verpasste mir eine Gänsehaut und ich wandte mich um, um nach Muten zu sehen. Doch er war verschwunden. Ein Sturm zog in meinem Inneren auf und ich verwarf jeden Gedanken des Glücks. Ich rannte los und lief und lief und versuchte all die Erinnerungen die ich hatte, hinter mir zu lassen, wo sie doch nicht echt waren.

Was lässt unsere Erinnerung zur Realität werden?

Sind es die daraus resultierenden Gefühle die real sind und unsere Erinnerung prägen oder doch die Menschen die wir lieben und unsere Erinnerung zur Realität machen?
Während ich rannte und Zuflucht suchte, stellte ich mir immer wieder die eine Frage

„Ist mein Glaube Realität?“

Mein Glaube ist die feste Zuversicht auf mein Hoffen und ein Nichtzweifeln an dem was ich nicht sehe. Hebräer 11,1

Das Glück und die Liebe die ich empfand, standen in Verbindung mit meiner Erinnerung und ließen sie zu meiner Realität werden. Diese Gefühle verbargen sich tief in mir drin und wurden erst real als ich sie mit meinen Taten real werden ließ. Mein Glück gab ich weiter an Menschen die keines hatten. Ich gab Menschen die Liebe, welche sie nie erfahren haben. Muten war der Auslöser dieser Gefühle.
Wenn meine wahren Taten, basierend auf meine wahren Gefühle, echt waren, wieso sollte Muten kein richtiger Freund sein? Ich schämte mich dafür meinen kindlichen Glauben verloren zu haben und verkroch mich in die hinterste Ecke der Welt.
Mein unerschütterliche Glaube an Muten hat mich stark gemacht und zu der Person gemacht die ich heute bin und habe ihn gehen lassen.
Ich weinte um meinen Vater, ich weinte um Muten und war wieder alleine. Ich weinte bitterliche Tränen die meine Hände durchdrangen und mein von Trauer zerfetztes Gesicht bedeckten.

„Aber du bist nicht alleine“

hörte ich eine Stimme sagen und bevor ich mich umdrehen konnte, spürte ich einen Finger auf meine Schulter tippen.

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